Samstag, 13. September 2014

Apulien

 Apulien ist die südlichste Region Italiens, sie liegt "in der Hacke des Stiefels", wie man so schön sagt, und ist wohl eine der schönsten vom Massentourismus verschont gebliebenen Landstriche. Die Landschaft hier besteht aus Weizenfeldern und Olivenhainen, wilden Küsten mit vielen Buchten und glasklarem Wasser, ab und an ein Hügel auf dem einer der vielen kleinen Orte tront. Die Altstadt ist meist ein unsortierter Haufen aus weißgetünchten zweigeschossigen Häusern, die wie willkürlich und ohne Rücksicht auf die Wege des Sonnenlichtes und ein nachvollziehbares Wegenetz aneinandergereiht sind. Durch die schattigen Gassen findet man meist nur, wenn man sich während seiner Erkundungen kleine Fixpunkte setzt: Die blaugetrichene Tür, die große Treppe, die alte, stille Frau vor ihrem Haus. Um den Kern der Altstadt ziehen sich einige Straßen im strengen Schachmuster. Die Straßen laufen in Parallelen, die Häuser gleichen sich, militärisch aufgereiht, in Terracotta-Anstrich und mit den schmiedeeisernen Balkonbrüstungen wie ein Ei dem anderen. Nur ab und an ein kleiner negazio di alimentari, ein Lebensmittelgeschäft, das frisches helles Brot, Gemüse aus der Region, Käse, Öl und Pasta verkauft. Hinterm Schachfeld folgt die Neustadt, meist von der Altstadt durch eine größere Straße abgegrenzt. Hier knattern die Motoren der Mopedfahrer, hier schreien und spielen die Kinder. In den Geschäften gibt es teure Sonnenbrillen, Tierfutter und Waschservice. Ab und an ein Neubau, an dessen Fassade Wind, Salzwasser und Sonne graue Schlieren, Spuren der Witterung hinterlassen haben. Ganz gleich in welchem Teil der Ortschaften man sich befindet, man hat das Gefühl, die Italiener verbringen diesen Sommer damit, vor allem drei Dingen nachzugehen: dem Essen, dem Sonnenbaden und dem Heiraten.


Von Bari aus fahren wir mit dem Zug nach Süden. Zugfahren in Italien ist eine prima Sache: Die Züge sind unter der Woche oft leer, die Strecken führen durch wundervolle Landschaften und die Ticketpreise sind niedrig. Das erste Reiseziel auf unserer Reise ist Ostuni, die weiße Stadt. Der Bahnhof liegt im Tal, der erste Blick auf die Stadt zeigt einen weiß-leuchtenden Schildkrötenpanzer unter schwarzem Gewitterhimmel. Wir schlafen im neuen Teil der Altstadt in einem kühlen Zimmer unter steingewölbter Decke. Mario überreicht uns die Schlüssel und erklärt mit viel Italienisch, Hand- und Fußeinsatz die Vorzüge der Unterkunft. Wir verstehen ihn nicht, freuen uns aber über seine Gastwirtschaft. Am nächsten Morgen zeigt sich die Altstadt von seiner schönsten Seite: Straßen und Häuser haben sich vom nächtlichen Gewitter erholt und scheinen unter azurfarbenem Himmel einem neuen Sommertag entgegen. Auf alten Stufen, zwischen großen Kakteenkübeln und hölzernen Türen gibt es ein erstes Frühstück aus Feigen, frischem Ricotta und köstlichen Panini. 

Mit dem Roller geht es bald weiter Richtung Süden, wo wir die Städte am Meer und im Land besuchen. Wir verbringen die Tage damit, durch die Orte zu schlendern und nach unentdeckten Kirchen und hübschen Postkarten zu suchen, lümmeln in kleinen windigen Buchten in der Sonne, erschöpft vom Kampf mit den tosenden Wellen, suchen in der Mittagshitze die ein oder andere schattige Osteria auf, in der es hausgemachte Pasta und meist köstliches Bohnenpürree gibt, knattern mit dem Moped über die ruckeligen Straßen durch die ansteigenden Hügel der Murge von einem Ort zum anderen, freuen uns über den Fahrtwind und die leuchtenden Weizenfelder und löffeln unmengen eiskalter Kaffee-Granita mit geschlagener Sahne. Was für ein Leben! 

Besonders gut gefällt es uns in der Villa Serragambetta, einem alten Gutshaus zwischen Castellana und Conversano. Gastwirt Domenico vermietet nicht nur Zimmer im alten Steinhaus der Familie, sondern betreibt vor allem biologische Landwirtschaft. Auf seinen Feldern stehen Kirsch-, Oliven- und Walnussbäume, in der rotbraunen Erde um den Hof wachsen Zuchini, Auberginen, Tomaten, Kartoffeln und vieles mehr. Ein besonderer Höhepunkt ist das gemeinsame Essen am Abend. Alle Gäste versammeln sich um eine große Tafel, man berichtet von den Erlebnissen des Tages und erfreut sich an der Lebensgeschichte der Holländerin, am Tischgebet der Großfamilie aus Maryland und an dem zuvorkommenden Pärchen aus Cornwell. Domenicos Mama und die Küchenchefin und gute Seele Gina kümmern sich um das leibliche Wohl und servieren einen Gang nach dem anderen. Es gibt überbackende Zucchini, frische Oliven und hausgemachte Orecchiette, butterweiches Auberginenragout, eingelegte Kapern und frische Focaccia, Beerenpudding und Mandelgebäck. Jeder Bissen ein Genuss, vergessen sind die müden Füße und die Mücken, die sich in den Kniekehlen niedergelassen haben. 

Die Schweizer Familie fühlt sich hier ebenfalls pudelwohl. Die kleine Greta verbingt die Tage lesend. Mal findet man sie auf den schattigen Stufen zum Gartenhaus, mal am Pool auf einer Liege unter ihrem bunten Handtuch, mal am großen Esstisch auf dem Hof, stets mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien, vertieft in spannende Geschichten, verloren in anderen Welten. Ihr Bruder redet wie ein Wasserfall. Er erzählt von seinen Freunden zu Hause, von der Schule in Bern. Er schwimmt jeden Tag seine Bahnen im Pool und zählt beim Erreichen des Beckenrandes laut mit. Wie ein Fisch flitzt er durchs sonnenspiegelnde Wasser, hebt und senkt den Kopf beim Ein- und Ausatmen und kümmert sich nicht um den hellen Tag über ihm. Die Schweizer erkunden die Gegend mit dem Auto, sie fahren zur Küste und suchen nach Stränden mit Sprungbrettern und Eisbuden und essen Pizza aus Pappschachteln. Sie besuchen die Grotten von Castellana und den Safari Zoo bei Fasano. Die Kinder fühlen sich wohl, die Rückfahrt nach Hause und der Schulbeginn in ein paar Wochen liegen noch in weiter Ferne. Und wenn Sie dann wieder in der Schule in ihren Bänken sitzen, vor ihnen das streng gekästelte Muster der Mathehefte, die anatomischen Eigenheiten der Milchkuh im Biologiebuch, vor dem Fenster ein nasser, kalter Regen, dann werden sie sich bestimmt wie wir, mit Wohlwollen an diese warmen Tage erinnern.    

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